Wirtschaft sollte sich im Kreis drehen – KimiB.Good Folge#2

Hier geht’s zum Podcast zur Folge “Kreislaufwirtschaft”

In der 1. Folge von KimiB.Good habe ich über Abfallreduktion, Recycling und Abfallvermeidung geschrieben bzw. mich mit mehreren Personen dazu unterhalten. Eine Frage hat mich allerdings auch nach meinen Recherchen und den Interviews nicht losgelassen:

Warum werfen wir überhaupt Materialien weg?

Auf der Suche nach Antworten zu dieser Frage, bin ich auf das Thema Kreisläufe und Kreislaufwirtschaft gestossen. Ich habe den Begriff “Kreislauf” sofort mit den Kreisläufen in der Natur verbunden. Ein Blatt zum Beispiel hat einen natürlichen Kreislauf, den man auch Lebenszyklus nennt. Es wächst am Baum von der Knospe zum Blatt heran, fällt im Herbst auf den Boden, wird durch Insekten und Bakterien zu Erde, um dann seine Nährstoffe dem Baum wieder zur Produktion von neuen Blättern zur Verfügung zu stellen.

Grafik die Kreislauf- und Linien-Wirtschaft verdeutlicht
Quelle: BAFU 2016

Man könnte also sagen, das Blatt stellt seine Wiedergeburt sicher.

Kreislaufwirtschaft bedeutet nichts anderes: Die in einem Produkt  verwendeten Rohstoffe werden über seinen Lebenszyklus hinaus wieder möglichst vollständig dem Produktionsprozess zugeführt, wobei es das Ziel ist, die Ergiebigkeit oder Nachhaltigkeit dieser Ressourcen zu verbessern. Eine 100%ige Rückführung ist, ganz nach dem Motto “ein bisschen Schwund ist immer”, eher utopisch. Aber das, was wir heute mit den Produkten machen, die wir immer wieder kaufen, geht meilenweit an Utopie vorbei.

Schematische Grafik zur Verdeutlichung von Kreislaufwirtschaft
Quelle: BAFU 2016

Das weit verbreitete Verständnis von Wirtschaft ähnelt eher einer Linie.

Ressourcen werden gefördert, Arbeit wird erbracht und das Ganze wird zu Produkten verarbeitet. Dies geschieht innerhalb eine Wertschöpfungskette eines Produkts: Durch jeden Arbeitsschritt, wird der Wert des Produkts erhöht. Diese Produkte werden von uns gekauft und genutzt. Sind sie abgenutzt oder brauchen wir sie schlicht und einfach nicht mehr, werden sie entsorgt. Dabei werden ökonomische, umwelttechnische und soziale Kosten der Produkte verkannt und mit dem Produkt einfach ins Jenseits befördert.

Die guten Nachrichten

Die heutige Schweizer Abfallwirtschaft ist ein gut funktionierendes Gesamtsystem und viele Stoffkreisläufe sind durch gut etablierte Rücklauf- und Verwertungssysteme weitgehend geschlossen, wie beispielsweise bei Getränkeverpackungen, Papier oder Altmetallen. Es bestehen jedoch bei der Schonung der natürlichen Ressourcen durch die Abfallwirtschaft noch Lücken und ungenutzte Potenziale. Verbessern kann sich die Schweiz insbesondere in den Bereichen Bauabfälle, Kunststoffe, Phosphor und seltene technische Metalle.

Kurzer Einschub: Zum Thema seltene technische Metalle lohnt sich ein Blick auf das Fairphone, solltet ihr gerade darüber nachdenken, ein neues Handy zu kaufen.

Es geht voran

Es bewegt sich etwas. Grünes Wirtschaften ist trotz abgelehnter Initiative (eventuell hier Initiative in einer Klammerbemerkung nennen, das mögen Schweizer) ein Zukunftsmodell und wird nicht nur diskutiert, sondern teilweise auch schon umgesetzt. Vom kleinen Start-Up, über den neu gegründeten Verein, zum grossen Konzern, alle denken darüber nach. Das ist ein erster, wichtiger Schritt. Als Beispiele lassen sich hier der Verein “Go for Impact” oder die Start-Ups Kreislauf.bio (Interview mit Roger im Podcast zum Thema Kreislaufwirtschaft) oder Stadtpilze.ch nennen.

Vorteile einer Kreislaufwirtschaft

Ich bleibe beim Positiven und unterstreiche, was die Vorteile eines kreisförmigen Wirtschaftssystems sind:

  • Unabhängigkeit des Wirtschaftswachstums von einer immer stärkeren Nutzung von Ressourcen
  • Senkung der Umweltbelastungen, die durch Abbau und Verwendung nicht erneuerbarer Ressourcen und Abfallbeseitigung entstehen
  • Möglichkeiten, Umsätze weniger durch den Verkauf von Produkten und mehr durch das Anbieten von Dienstleistungen zu generieren
  • Höhere Versorgungssicherheit und Kostenkontrolle
  • Signifikanter Beitrag zur Minderung des Klimawandels durch drastische Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen bei der Herstellung und Entsorgung (z.B. Verbrennung) von Produkten
  • Höhere Ressourcensicherheit, da weniger benötigt werden, und sinkende Abhängigkeiten von Importen dank niedrigerem Rohstoffbedarf
  • Ökonomische Vorteile: Neue Möglichkeiten für Wachstum und Innovation sowie Einsparungen aufgrund höherer Ressourceneffizienz
  • Soziale Vorteile, zum Beispiel Schaffung neuer Arbeitsplätze für alle Kompetenzniveaus und Veränderungen im Konsumentenverhalten
    (Quelle: Green Facts und Urbact 2018)

Warum ist dann noch alles in Linie aufgebaut?

So viele Vorteile – warum läuft dann immer noch alles wie bisher? Es gibt neben den deutlichen Vorteilen auch einige nicht unerhebliche Hindernisse, die die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft beeinträchtigen:

  • Ineffiziente Vorschriften zur Förderung der Wirtschaft, wie z.B. Subventionen für erneuerbare Energien, Emissionshandel, die Ökodesign-Richtlinie, Energieeffizienznormen und Zielvorgaben für das Recycling von Materialien
  • Preise spiegeln nicht den wahren Gesamtwert der Waren und Dienstleistungen wider. Die Preisbildung ist ein komplexer Prozess, auf den verschiedene Faktoren einen Einfluss haben, nicht nur der Wert der Sache oder Dienstleistung, den wir ihr zuschreiben würden. Daher sind Preise auch nicht geeignet, über die Knappheit der Ressourcen Auskunft zu geben.
  • Politische Entscheidungsträger und die breite Öffentlichkeit müssen erst mal davon überzeugt werden, dass ein alteingesessenes Wirtschaftssystem einer kompletten Umkremplung bedarf und die absoluten physikalischen Grenzen der nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen nach Handlung verlangen
  • Geeignete Marktsignale entwickeln, damit z.B. Preise den Ressourcenverbrauch eines Produkts widerspiegeln können
  • Vor allem Entscheidungsträgern verständlich machen, dass Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch eine notwendige Vorbedingung für die Senkung von globalen sozialen Ungerechtigkeiten ist und Vereinbarungen zustande bringen, ist keine leichte Aufgabe
  • Weil Materialien tendenziell günstiger und die Herstellungsprozesse effizienter geworden sind, herrscht in der Wirtschaft eine Wegwerfmentalität. Langlebigkeit eines Produkts ist eher ein Nachteil. Finanziell mag sich das für Produzenten und Konsumenten auf kurze Sicht auszahlen, die Kosten hat allerdings die Umwelt zu tragen, die uns alle auf lange Sicht beeinflusst oder besser gesagt, am Leben hält
  • Rebounding-Effekt, was in diesem Zusammenhang vereinfacht gesagt bedeutet: Ich spare zum Beispiel durch die Anschaffung eines Elektroautos so viel CO2 ein, dass ich mir ein paar Flüge mehr im Jahr genehmige. Für Firmen, die ein Kreislauf-Modell umsetzen, bedeutet es, dass durch die Langlebigkeit ihrer Produkte, Innovationen, die das Produkt noch einmal umweltverträglicher machen würden, nicht oder sehr spät umgesetzt werden
  • Oft ist die Unternehmensführung durch kurze Zeithorizonte mit der grundlegenden Änderung des Geschäftsmodells überfordert, da eine solche Veränderung meist hohe Anfangsinvestitionen mit sich bringt und Fähigkeiten von internen Mitarbeitenden übersteigen kann
  • Bei jedem Einzelnen bremst die Macht der Gewohnheit und das fehlende Bewusstsein für die Gesamtkosten eines Produktezyklus das
    Interesse an einer Umsetzung kreisförmiger Wirtschaft

Anfangen in Kreisen zu denken

Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion sind untrennbar miteinander verknüpft. Werden keine kreislauffähigen Produkte angeboten, kann sie auch keiner von uns kaufen. Fordern wir diese Produkte nicht ein, wird kein Unternehmen seine Produktion umstellen.

Kreislaufwirtschaft vernetzt. Konsumenten und Produzenten. Regional wie global. Kreislaufwirtschaft zieht sich durch den gesamten Produktlebenszyklus. Von der Produktionsphase, die globale Ressourcen verwendet über die Preisbildung, die den Wert von nicht erneuerbaren Ressourcen, deren Abbau, sowie Transport und die durch die Nutzung verursachte Umweltschäden miteinbeziehen muss bis hin zur örtlichen Abfall-Herausforderung. Innovation ist hier das Stichwort. Diese Innovationen müssen vorangetrieben und geteilt werden – nicht patentiert. Initiativen des EU-Programms helfen aktuell schon dabei, globale Innovationen für eine Kreislaufwirtschaft zu tätigen, indem zum Beispiel Wirtschaftsanreize für Hersteller gesetzt werden. Doch wie gesagt: Es liegt nicht nur an den Produzenten.

Quelle: UN environment 2018

Du willst die Hindernisse angehen und die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft vorantreiben? Super, dann tu’ es!

Wir sind alle Verbraucher von Produkten und Dienstleistungen. Damit haben wir, vor allem als Masse, die Macht, den Übergang zur Kreislaufwirtschaft zu unterstützen. Ein Kernelement hierbei ist unsere Haltung und unser Verhalten. Lassen wir uns übermässig von Moden und Marketing beeinflussen, ohne kritisches Nachdenken und Wertschätzung unserer Habseligkeiten, bleibt es bei der herrschenden Wegwerfgesellschaft. Da der Druck der Verbraucher dann fehlt, wird kein Unternehmen, oder nur sehr wenige Idealisten, den Aufwand betreiben, ihre Prozesse kreisförmig zu gestalten.

Mir persönlich ist wichtig, dass wir das Bewusstsein für den Unterschied zwischen Linien-Wirtschaft und Kreislaufwirtschaft entwickeln. Ich möchte mich und euch alle ermutigen unsere provokative Rolle als Verbraucher wahrzunehmen und unsere täglichen Routine zu überdenken, damit wir etwas verantwortungsvollere Entscheidungen treffen. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, jedoch gibt es jetzt schon Länder, Unternehmen und Möglichkeiten, die uns dabei unterstützen.

Cradle to cradle Produkte achten auf Design und Materialien, die im Kreis genutzt werden können. “Die Produktionsverfahren, der Gebrauch und die Wiederverwertung der Produkte werden nach dem Modell gestaltet, die Qualität der Rohstoffe über mehrere Lebenszyklen zu erhalten.
Das bedeutet: Kein Abfall, alles ist zugleich Nährstoff. Die richtigen Materialien werden in definierten Kreisläufen (Metabolismen) zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort eingesetzt.” (Quelle: EPEA Switzerland 2018)

Wo es Cradle to cradle Produkte zu kaufen gibt? Zum Beispiel hier:

Cradlelution
Avocadostore
Trigema (Damen)
Trigema (Herren)
Climatex
Frosch Reinigungsmittel
Bauwerk Parkett
Giroflex Büromöbel

Und der Rest der Welt?

Der Aktionsplan der EU gibt zum Beispiel Ratschläge, wie man als Verbraucher Produkte und Dienstleistungen wählen kann, die besser für die Umwelt sind und gleichzeitig für Einsparungen und höhere Lebensqualität sorgen.

China führte 2006 Massnahmen zur Stärkung der wirtschaftlichen Effizienz mit geringem Ressourcenverbrauch und der Reduktion von Verschmutzung ein, die als Pilotprojekt für eine globale Wirtschaft auf Weltebene gelten.

In Japan führte man das Konzept der Gesunden Kreislaufgesellschaft als zentralen Ansatz ein, um die Ressourcenproduktivität zu verbessern und negative Umwelteinflüsse zu minmieren.

In den Niederlande werden durch wiederverwendete Produktströme aus den Metall- und Elektrosektoren rund 16% der neuen Produkte hergestellt. Rund 81% der Produkte dieser Sektoren werden zur Wiederverwertung genutzt. (Quelle: URBACT)

In der EU wurden Grundsätze der Kreislaufwirtschaft in gewerbliche Praktiken, umweltfreundliche öffentliche Beschaffung und in den Bau- und Wassersektoren integriert. In ihrem Bericht von 2017 ermutigt sie Investoren und Innovatoren dazu, das Modell Kreislaufwirtschaft zu fördern und zeigt konkrete Schritte dafür auf.

Der Weltwirtschaftsrat für Nachhaltige Entwicklung gab aktuell einen praktischen Leitfaden heraus, der konkrete Geschäftsbeispiele und fünf wesentliche Schritte für den Übergang von einer Linien-Wirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft ermöglicht.

Mein Fazit

Wir scheinen uns lange genug im Kreis gedreht zu haben. Es ist an der Zeit grosse Prozesse im System zu ändern – unsere Wirtschaft in eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft umzuwandeln. Das hört sich allerdings fast schon grössenwahnsinnig an? Durch meine Recherchen für diesen Beitrag ist mir klar geworden: Es ist machbar. Jeder mit seinem Beitrag. Jeder in seinem Einflussbereich. Und wenn es “nur” beim Einkaufen ist oder ich selbst ein Produkt wiederverwende. Das Bewusstsein ist das Wichtige, denn es wird sich früher oder später in konkreten Handlungen äussern. Wenn wir Kreislaufwirtschaft als Standard unseres Wirtschaftssystems verinnerlichen, geben wir diese Einstellung unseren Kindern und alle nachfolgenden Generationen mit auf den Weg. Eine schöne Vorstellung, die mich vor Freude im Kreis hüpfen lässt 😉

Eure Kimi

Hier findet ihr noch weitere nütze Informationen zum Thema Kreislaufwirtschaft

KimiB.Good Podcast Episode #2 Kreislaufwirtschaft

Kreislaufwirtschaft erklärt von Raphael Fasko (Rytec)

Aktionsplan der EU zur Kreislaufwirtschaft

Kurzfilm Kreislaufwirtschaft – Moving towards a circular economy by EU Environment

Aktuelle wissenschaftliche Projekte:
Hoffmann: Towards a sustainable circular economy

Frankenberger: Laboratory for circular economy

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.